Sella­über­schrei­tung

Die Sellagruppe – oder einfach nur Sella – ist ein Bergstock in den Dolomiten, dessen plateauförmige Form so charakteristisch ist, dass man ihn wirklich nicht übersehen kann. Eingerahmt wird die Berggruppe von vier Gebirgspässen – dem Grödner Joch, dem Pordoijoch, dem Sellajoch und dem Campolongo-Pass. Wer sich auf die berühmte Sellaronda begibt, muss alle vier Pässe überwinden – entweder mit dem Rad im Sommer oder auf Skiern im Winter. Nachdem uns das Radfahren zu anstrengend ist, haben wir uns bislang stets für die winterliche Variante interessiert. Und wenn man um den Sellastock so seine Runden dreht, dann wird man sich irgendwann mal fragen, wie es denn eigentlich wäre, diesen gewaltigen Felsen zu überschreiten.

Unseren ersten Versuch im Juni vor drei Jahren mussten wir leider abbrechen, da um die Zeit noch viel zu viel Schnee auf dem Berg lag – zumindest für unsere Wanderkünste. Dieses Jahr waren wir etwas geduldiger, haben bis August abgewartet und konnten den Plan endlich in die Tat umsetzen.

Früh am Morgen brechen wir vom Parkplatz am Grödner Joch auf und steigen von dort in den berühmten Dolomiten-Höhenweg Nr. 2 ein. Ohne großen Höhenunterschied aber dafür gleich mit großartiger Aussicht über das Grödnertal und das Gadertal wandern wir etwa eine halbe Stunde, bevor der schweißtreibende Teil beginnt.

Zwischen den imposanten Felstürmen der Sella beginnt der Aufstieg. In Serpentinen windet sich der Weg durch eine Scharte – das Val Setus – den Berg hinauf. Um der Schlucht schließlich zu entkommen, muss man an deren Ende einen leichten Klettersteig überwinden und erreicht dann ein Plateau der Pisciadùgruppe.

Rund eine Stunde sind wir jetzt schon unterwegs und nach dem steilen Aufstieg haben wir durchaus das Gefühl schon einiges geleistet zu haben. Die am Pisciadùsee gelegene, gleichnamige Hütte lädt daher zu einer kurzen Pause ein. Doch wir ahnen schon was noch auf uns zukommt, lassen wir die Hütte links liegen, umrunden den See und erkämpfen uns weitere Höhenmeter.

Der Weg führt am Piz Pisciadù entlang weiter bergauf. Nach etwa eineinhalb Stunden erreicht man ein weiteres Plateau, das zum ersten Mal den Blick auf unser Ziel freigibt: den Biz Boè. Doch der mit 3.152 m höchste Gipfel auf der Sellagruppe ist noch eine gefühlte Ewigkeit und etliche Höhenmeter entfernt.

Noch eine weitere Stunde vergeht, bis wir bei der Boèhütte am Fuß des Biz Boè ankommen. Da die Beine langsam schwer werden, braucht es schon ein wenig Überredungskunst um auch diese Hütte wieder – und nicht einfach den Gipfel – links liegen zu lassen und wir plagen uns die letzten Meter schweigend unserem Ziel entgegen. Doch wie so oft lässt die Aussicht auf dem Gipfel die Anstrengung gleich wieder vergessen – und der aufgewärmte Apfelstrudel in der Hütte schmeckt als gäbe es keinen besseren.

Gestärkt vom Apfestrudel ist der Abstieg ein Kinderspiel. Rund eine Stunde läuft man bis zur Bergstation der Funivia del Sass Pordoi. In nur vier Minuten vernichtet die Gondel die noch verblieben, hart erkämpften Höhenmeter und entlässt uns auf dem Pordoijoch. Da wir nach rund sieben Stunden am anderen Ende der gewaltige Sellagruppe stehen, müssen wir jetzt nur noch mit dem Bus zum Auto zurück fahren und uns auf das Abendessen freuen.

Landkarte
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