Der Sage nach nahm hier die Geschichte der Inka ihren Anfang. Der erste Inka Manco Cápac, Sohn des Sonnengottes Inti, und seine Schwester Mama Ocllo wurden vom Vater mit dem anerkennenswerten Auftrag die Welt zu verbessern losgeschickt und gelangten auf der Isla del Sol inmitten des Titicacasees zur Erde. Auch wenn man solche Legenden vielleicht nicht beim Wort nehmen mag – es gibt schließlich auch noch andere Herkunftsmythen der Inka – so ist zumindest gesichert, dass die Sonneninsel bereits seit dem dritten Jahrtausend v. Chr. bewohnt wurde und die Bewohner schon damals über fortschrittliche Fortbewegungsmöglichkeiten zu Wasser verfügt haben müssen.
Ausgangspunkt für eine Tour zur Isla del Sol ist die kleine Stadt Cobacabana am Ufer des Titicacasees, etwa 150 km von unserem Zwischenstop in La Paz entfernt. Um dorthin zu gelangen, muss man den See bereits ein erstes Mal auf ein paar hundert Metern überqueren. Während die Passagiere in kleinen Booten übersetzen, werden die Busse auf eine Art Floß verladen, das sich recht abenteuerlich von einem Ufer zum anderen schaukelt.
Über die Herkunft des Namens Copacabana gibt es verschiedene Ansichten. Nach einer Auffassung soll er sich aus dem Aymara quta qawana herleiten, was so viel wie „Sicht auf den See“ bedeutet. Hat man sich die rund 200 Höhenmeter des nahegelegenen Hausbergs Cerro Calvario erkämpft und blickt über die Stadt, scheint die Theorie mit dem Namen ganz plausibel.
Im August finden in Bolivien traditionell eine Vielzahl von Feierlichkeiten statt, insbesondere anlässlich der Staatsgründung am 6. August 1825. Auf unserem Weg durch die Stadt hatten wir Glück und trafen auf einen kleinen Umzug zu Ehren der heiligen Maria.
Unsere Bootsfahrt zur Wiege der Inka begann früh am nächsten Morgen. Zunächt steuerten wir die unmittelbar neben der Isla del Sol gelegene, kleinere Isla de la Luna an. Nach der Mythologie der Inka hat die Schöpfergottheit Viracocha dort den Mond aufgehen lassen. In den 1940er wurde die Insel dann als Konzentrationslager für aufständische Bauern zweckentfremdet. Heute leben hier noch rund 300 Einwohner – ohne Strom, Gas und Telefon. Beeindruckend ist der allgegenwärtige Blick auf die Cordillera Real, einer Hochgebirgskette in den Anden mit insgesamt sieben Sechstausendern. Teile der Gebirgskette sind aufgrund ihrer Nähe zum Amazonastiefland und den von dort aufsteigenden feuchten Luftmassen vergletschert.
Rund eine halbe Stunde dauern die restlichen 7 km zur Isla del Sol. Und dann begann der Aufstieg. Da es auf der Insel keine anderen Fortbewegungsmittel als Esel gibt, muss man den Weg zu den hochgelegen Aussichtspunkten zu Fuß bewältigen.
Das klingt angesichts lächerlicher 150 Höhenmeter nicht wirklich erwähnenswert, doch auf einer Höhe von rund 4.000 Metern wird der Aufstieg schnell zur sportlichen Herausforderung. Wir haben es – mit etlichen Pausen – schließlich dennoch geschafft und wurden mit einer großartigen Aussicht belohnt.
Mittlerweile warten wir auf den Bus, der uns wieder zurück nach La Paz bringen soll. Dort werden wir die nächsten zwei Nächte verbringen. Außerdem wollen wir uns dort ein Auto mieten und den wahrscheinlich höchsten Punkt auf unserer Reise auf über 5.300 Metern erklimmen.